Orchideen gießen: Wie oft und wie richtig?
Aktualisiert: 11. August 2026
Beim Orchideengießen gibt es eine einzige verlässliche Regel, und sie steht nicht im Kalender: Es ist die Wurzelfarbe. Sind die Wurzeln im durchsichtigen Topf silbrig-grau, wird gegossen; sind sie noch grün, warten Sie. Das hat einen botanischen Grund. Die Wurzeln der Phalaenopsis sind vom Velamen umgeben, einer schwammartigen äußeren Schicht: Nimmt sie Wasser auf, schimmert die Wurzel grün, trocknet sie ab, füllt sich das Gewebe mit Luft und die Wurzel wirkt silbrig. Die Pflanze zeigt Ihnen also selbst an, wann sie Wasser braucht, und dieser Hinweis ist zuverlässiger als jede Faustregel in Tagen.
Der mit Abstand häufigste Fehler geht in die andere Richtung: Orchideen sterben viel öfter an zu viel Wasser als an zu wenig. Stehen die Wurzeln dauerhaft nass, faulen sie und können kein Wasser mehr aufnehmen. Die Pflanze vertrocknet dann mitten im feuchten Substrat. Seltener und dafür gründlich zu gießen ist deshalb immer besser als oft und auf Verdacht.
Die Wurzelfarbe als Gießanzeige
Werfen Sie vor jedem Gießen einen Blick auf die Wurzeln:
- Silbrig, grau oder weißlich: Die Pflanze hat Durst, jetzt wird gegossen.
- Grün: Es ist noch genug Wasser da, warten Sie ein paar Tage.
Wächst Ihre Orchidee in einem undurchsichtigen Übertopf, gibt es zwei einfache Behelfe. Stecken Sie ein Holzstäbchen zwei bis drei Zentimeter tief ins Substrat und ziehen Sie es wieder heraus: Kommt es feucht und dunkel verfärbt zurück, ist noch genug Wasser im Topf. Oder heben Sie den Topf kurz an. Ein Topf, der sich Tage nach dem Gießen noch schwer anfühlt, hält mehr Wasser, als der Pflanze guttut.
Gesunde Wurzeln sind dabei immer prall und fest. Weiche, braune oder schwarze Wurzeln sind kein Durstsignal, sondern ein Fäulnisbefund.
So gießen Sie richtig
Am zuverlässigsten funktioniert das Tauchen:
- Stellen Sie die Orchidee mitsamt dem durchsichtigen Innentopf in eine Schüssel, einen Eimer oder das Spülbecken.
- Füllen Sie zimmerwarmes Wasser ein, bis der Topf etwa zur Hälfte darin steht. Gießen Sie kein Wasser über die Blätter und in den Blatttrichter. Dort bleibt es stehen und führt zur Herzfäule.
- Lassen Sie die Pflanze 15 bis 20 Minuten stehen, damit sich das Velamen vollsaugt. Ist das Substrat sehr trocken, dürfen es auch ein bis zwei Stunden sein.
- Nehmen Sie den Topf heraus und lassen Sie ihn vollständig abtropfen. Bevor die Pflanze zurück in den Übertopf kommt, darf dort kein Restwasser stehen; die Wurzeln dürfen nicht im Wasser bleiben.
Alternativ halten Sie den Topf einige Minuten unter lauwarm laufendes Wasser und lassen ihn danach ebenso gründlich abtropfen. Welche Methode Sie auch wählen: nicht täglich ein Schlückchen, sondern selten und dafür durchdringend.
Gießen Sie möglichst morgens. So trocknen Blätter und Blattachseln über den Tag ab, und genau das empfiehlt die Amerikanische Orchideengesellschaft zur Vorbeugung gegen Herzfäule.
Wie oft?
Einen festen Tagesrhythmus gibt es nicht. Diese vier Faktoren verschieben den Abstand:
- Substrat: Rindensubstrat trocknet schnell ab und braucht häufiger Wasser. Sphagnum speichert deutlich mehr und hält länger; dort kann die Oberfläche trocken aussehen, während es darunter noch nass ist. Prüfen Sie in Sphagnum also besonders sorgfältig.
- Topf: Kunststoff hält die Feuchtigkeit länger als Ton, kleine Töpfe trocknen schneller als große.
- Jahreszeit: Im Winter wächst die Pflanze langsamer und braucht weniger Wasser. Die Royal Horticultural Society (RHS) empfiehlt in der Wachstumszeit wöchentliches Gießen und im Winter etwas seltener.
- Standort: Warme, trockene Räume verkürzen den Abstand, kühle Räume verlängern ihn.
Hier hat die deutsche Heizperiode einen doppelten Effekt, der leicht übersehen wird. Von Oktober bis April trocknet die warme, trockene Heizungsluft das Substrat schneller ab als im Sommer. Gleichzeitig ist es die Zeit mit dem wenigsten Licht, in der die Pflanze am langsamsten wächst und am empfindlichsten auf zu viel Wasser reagiert. Die beiden Effekte ziehen also in entgegengesetzte Richtungen, und genau deshalb trägt im Winter kein fester Rhythmus. Stellen Sie die Orchidee nicht direkt über einen Heizkörper, und schauen Sie auch in dieser Zeit auf die Wurzeln statt auf den Kalender.
Welches Wasser
In den meisten Regionen können Sie Leitungswasser verwenden. Es sollte Zimmertemperatur haben; kaltes Wasser direkt aus der Leitung ist für eine tropische Pflanze ein unnötiger Schock.
Zwei Einschränkungen sind wichtig. Die erste betrifft Enthärtungsanlagen: Diese Geräte tauschen Kalzium und Magnesium gegen Natrium aus, und die Amerikanische Orchideengesellschaft rät ausdrücklich davon ab, so behandeltes Wasser für Pflanzen zu verwenden, weil es für sie giftig sein kann. Wenn in Ihrem Haus eine Enthärtungsanlage arbeitet, nehmen Sie das Wasser wenn möglich von einem unbehandelten Hahn, oft dem im Garten oder im Keller.
Die zweite betrifft die Wasserhärte, und die schwankt in Deutschland stark. Das Wasch- und Reinigungsmittelgesetz unterscheidet drei Härtebereiche, die der DVGW so angibt: weich unter 1,5 Millimol Calciumcarbonat je Liter, mittel 1,5 bis 2,5 Millimol, hart über 2,5 Millimol. Viele Stadtwerke nennen den Wert zusätzlich in Grad deutscher Härte; umgerechnet liegen die beiden Grenzen dann bei rund 8,4 °dH und 14 °dH. Ihren örtlichen Wert veröffentlicht Ihr Wasserversorger auf seiner Website. Orchideen reagieren empfindlich auf Kalk, deshalb sind bei hartem Wasser Regenwasser oder gefiltertes Wasser die bessere Wahl. Wenn Sie überwiegend Regenwasser oder entkalktes Wasser geben, düngen Sie in der Wachstumszeit mit einem Orchideendünger, weil diesem Wasser die Nährstoffe fehlen; die Menge steht auf der Produktverpackung.
Ein verbreiteter Tipp muss dabei richtig eingeordnet werden: Leitungswasser über Nacht stehen zu lassen. Das treibt Chlor aus und ist in dieser Hinsicht sinnvoll. Gegen die Härte hilft es nicht, denn Kalzium und Magnesium bleiben im Wasser, egal wie lange es steht. Wer weiches Gießwasser braucht, kommt um Regenwasser, einen Filter oder eine andere Entkalkung nicht herum.
Die Eiswürfel-Frage
Im Netz kursiert die Empfehlung, Orchideen mit ein paar Eiswürfeln pro Woche zu gießen. Die Methode ist umstritten. Zu ihr gibt es allerdings eine veröffentlichte Untersuchung, und deren Ergebnis ist eindeutig.
Eine gemeinsame Untersuchung der Ohio State University und der University of Georgia verglich Phalaenopsis in Rindensubstrat, die entweder Eiswürfel oder die gleiche Menge zimmerwarmes Wasser bekamen. Nach Angabe der Ohio State University blieben Blütezeit und Haltbarkeit gleich, und auch Blätter und Wurzeln nahmen keinen Schaden; die Temperatur im Substrat sank dabei nicht unter etwa 11 °C. Empfohlen wurden dort drei Eiswürfel einmal pro Woche, auf das Substrat gelegt und ohne Kontakt zu den Blättern.
Viele Gärtnereien raten trotzdem ab, weil die Phalaenopsis aus den Tropen stammt und Kälte grundsätzlich nicht mag. Die ausgewogene Empfehlung lautet deshalb: Nutzen Sie nach Möglichkeit das Tauchen in zimmerwarmem Wasser. Wenn Sie bei Eiswürfeln bleiben, legen Sie sie nie auf Blätter oder in den Blatttrichter, und verzichten Sie darauf, wenn die Pflanze ohnehin kühl steht.
Häufige Fehler
- Wasser im Blatttrichter: Sammelt sich Wasser in der Mitte, wo die Blätter zusammenlaufen, führt das zur Herzfäule. Gießen Sie seitlich, und tupfen Sie versehentlich hineingelaufenes Wasser mit Küchenpapier aus.
- Die Pflanze im Wasser stehen lassen: Die RHS ist hier deutlich: Pflanzen sollten nie im Wasser stehen, und überschüssiges Wasser muss immer ablaufen können. Leeren Sie den Übertopf nach jedem Gießen.
- Luftwurzeln abschneiden: Wurzeln, die aus dem Topf herauswachsen, sind normal und gesund. Schneiden Sie sie nicht ab und zwingen Sie sie nicht ins Substrat zurück.
- Nach Kalender gießen: Ein fester Wochentag ignoriert Jahreszeit, Substrat und Raumklima. Die Wurzelfarbe tut das nicht.
Sie sind unsicher, woran es liegt? Schrumpelige, gelbe oder schlaffe Blätter können sowohl von zu wenig als auch von zu viel Wasser kommen; beide sehen oben ähnlich aus, und erst die Wurzeln entscheiden. Weiter geht es hier:
- Gelbe Blätter: Warum bekommt die Orchidee gelbe Blätter
- Schlaffe, schrumpelige Blätter: Vertrocknete Orchidee
- Keine neue Blüte: Orchidee zum Blühen bringen
- Zurück zur Übersicht: Orchideen-Pflege
Hinweis zu den Werten: Die genannten Abstände und Zeiten gelten für einen Raum mit etwa 20 bis 22 °C und hellem, indirektem Licht. In warmen, trockenen Räumen trocknet das Substrat schneller ab, in kühlen und feuchten langsamer. Die Wurzelfarbe (silbrig heißt gießen, grün heißt warten) bleibt in jedem Fall der zuverlässigere Maßstab als ein fester Termin.